Beiträge von Daniel

Adorno/Horkheimer: Der Begriff Aufklärung.

Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. (2008): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Fischer: Frankfurt am Main.

Ich frage mich ob angesichts dieses Textes ein Exzerpt – zwecks inhaltlicher Beherrschung – nicht lediglich eine Affirmation des Tatsächlichen ist?

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Die Aufklärung zerstört sich selbst, wenn ihr rückläufiges Moment nicht ins Denken aufgenommen wird. Die Errungenschaften des Fortschritts werden zunehmend in ihr Gegenteil verkehrt. So schlägt Aufklärung in Mythologie zurück und endet im Irrationalismus – denn sie bediente sich zunächst des Mythos, um dann in seinen Bann zu fallen. Nicht-kritisches Denken unterliegt dabei einer Metamorphose von Kritik in Affirmation von Tatsachen, deren Wahrheit sich verflüchtigt hat.
Ziel der Aufklärung ist es, den Menschen über die Natur/dunkle Kräfte als Herren einzusetzen und ihm durch zunehmendes Wissen die Furcht zu nehmen. Aufklärung ist radikale mythische Angst: es darf nichts mehr außerhalb der erfahrbaren Objekte sein. In diesem Sinne ist Wissen eine Technik der Beherrschung, der Verstand wird patriarchal gedacht.
Jede Metaphysik – als Erbteil der Mythologie – wird in Tatsachenwissen aufgelöst. Dadurch soll eine endgültige Beherrschung der Materie ermöglicht werden. Auch der Mythos wird als anthropomorph – als Projektion des Subjektiven in die Natur – entlarvt. Die Vielfalt der Natur unterliege letztendlich der Einheit des Subjekts.
Durch diese Erkenntnis zerfällt das Sein in Logos und Realität. So wird die Welt dem Subjekt entfremdet: Das An sich der Dinge wird Für den Wissenschaftler. Das Wesen der Dinge gerinnt zu einem einheitlichen Substrat von Herrschaft. Die Identität des Geistes mit der Einheit der Natur wird also über eine Machtbeziehung vermittelt.
Die Magie hatte dem Objekt noch eine einzigartige Bedeutung zugesprochen, seine Vertretbarkeit war je spezifisch (Voodoo-Puppe!). Im Prozess der Aufklärung wird der Gegenstand des Sinnes beraubt und zum zufälligen Bedeutungsträger. Er ist beliebig und universal fungibel: Dem Gegenstad wird durch „Rationalisierung“ Bedeutung zugesprochen indem er bezeichnet wird.
Somit wird alles kommensurabel (vergleichbar); das Einzelne wird durch die Herrschaft des Abstrakten nivelliert und verliert sich in repressiver Egalität. Diese Unterordnungsrelation spiegelt sich zusätzlich in der gesellschaftlichen Welt: indem nämlich die deduktive Form der Wissenschaft das Allgemeine dem Einzelnen gegenüberstellt und es beherrscht, drückt sie den durch Kategorien organisierten Stamm aus. Diese Kategorien entspringen dem Prozess der Arbeitsteilung. Erst durch die sprachliche Bindung des Manas durch die Zauberer wurde es möglich, die sich wiederholenden Naturprozesse als Ausfluss des Manas zur Norm zu erheben und die Produktiven eben diesen Naturprozessen zu unterwerfen (i.e. Jahreszeiten) etc.
Im Prozess der Aufklärung scheidet sich die Wissenschaft von der Dichtung, und damit teilt sich das Wort in Zeichen (erhebt Anspruch auf Kalkulation, strebt nicht die Ähnlichkeit mit dem bezeichneten an) und Bild (reine Abbildung ohne Erkenntnis) auf. Dadurch werden Wissenschaft und Kunst zur Antithese. Früher in der Zauberei, heute im Kunstwerk konnte das Ganze noch im Besonderen erscheinen. Die Philosophie vollzieht dementsprechend die Trennung von Anschauung und Begriff.
Die bestimmte Negation erlaubt das Vorgefundene der Entfaltung seines gesellschaftlichen, historischen und menschlichen Sinnes nach zu begreifen um nicht lediglich die Oberfläche der Erscheinung in abstrakte Beziehungen zu setzen. Im unmittelbar Gegebenen muss das Eingeständnis seiner Falschheit gelesen werden und so seiner Wahrheit zugeignet werden. Sprache wird so mehr als ein bloßes Zeichensystem.
Aufklärung schlägt in Mythos zurück, wenn das Denken bei der Bestätigung und Wiederholung des Tatsächlichen stehen bleibt. So nämlich wird die Tatsächlichkeit zur Ewigkeit und enthält wieder die ursprünglichen Elemente des Mythos: Kreislauf, Schicksal, Herrschaft der Welt ohne Hoffnung. Der Einzelne löst sich somit in einem System der Unmenschlichkeit auf, wird versachlicht, an die Objektivität einer Funktion angeglichen und verliert seinen Namen. Selbsterhaltung wird automatisiert. Während also das Ziel der Aufklärung die Unterwerfung der Natur unter das Selbst war, wird schließlich das Selbst selber unterworfen indem es als zweckgerichtet verstanden wird.
Odysseus und die Sirenen: Ruderer-Produktive. Odysseus-Gutsherr. Sirenen – Trieb. Bei den Ruderern muss die Ablenkung durch den Trieb zu zusätzlicher Anstrengung sublimiert werden: indem ihnen die Ohren verstopft werden. Gutsherr bindet sich unwiderruflich an die Praxis (den Mast) und neutralisiert die Lockung der Sirenen zum bloßen Gegenstand der Kontemplation.
Denken kann nicht kritisch sein, wenn es sich zwischen Befehl und Gehorsam entscheiden muss. Erkennt es allerdings diese Logik des Entweder-Oder als sich selbst entfremdete Natur in sich selbst wieder, kann es dem herrschaftlichen Anspruch entgehen, der ihn gerade vor der Natur versklavt. „Aufklärung ist mehr als Aufklärung, Natur, die in ihrer Entfremdung vernehmbar wird. In der Selbsterkenntnis des Geistes als mit sich entzweiter Natur ruft wie in der Vorzeit Natur sich selber an, aber nicht mehr unmittelbar mit ihrem vermeintlichen Namen, der die Allmacht bedeutet, als Mana, sondern als Blindes, Verstümmeltes. […] Durch die Bescheidung, in der dieser [der Geist] als Herrschaft sich bekennt und in Natur zurücknimmt, vergeht ihm der herrschaftliche Anspruch, der ihn gerade vor der Natur versklavt.“ (op. Cit.: 46)
Aufklärung kommt erst zu sich selbst, wenn sie dem Prinzip der blinden Herrschaft des Tatsächlichen entsagen kann. Sie muss den Respekt vor dem Gegebenen verlieren, das sie doch selbst erst geschaffen hat – denn so wird Aufklärung destruktiv.

3.-5. Dezember: Wollen wir zum Klassenausflug?

Kongress zu kritischer Gesellschaftstheorie mit Honneth, Beck, Reemtsma u.a. in Frankfurt a.M.

„Wie ist Gesellschaft heute zu begreifen? Pathologien der kapitalistischen Entwicklung erzeugen neue Risiken; Phänomene der Entgrenzung unterlaufen die gesellschaftliche Differenzierung; Pluralisierung wird überlagert durch Spaltung und Ausschluss. Der skeptische Gestus einer Soziologie, die den Rekurs auf die Kategorie der Gesellschaft verweigert, läuft gerade angesichts der globalen Wirtschaftskrise ins Leere. Empörungsverstärkung und Verdachtsbestätigung reichen nicht aus, erforderlich sind vielmehr Analysen, die Auskunft geben über gewandelte Mechanismen und Medien sozialer Integration, über neue Formen sozialer Strukturierung, erwartbare Polarisierungseffekte und veränderte Herrschaftskonstellationen.

Eine Theorie der Gesellschaft, die ihren Namen verdient, lässt sich weder durch einen von außen herangetragenen Maßstab gewinnen, noch kann sie auf begriffliche Abstraktionen verzichten. Nur durch die Konzentration aufs Einzelne und das experimentelle Austesten konkurrierender Interpretationen kann die Reflexion aufs Ganze gelingen.

Dies ist der Ausgangspunkt der Konferenz des Frankfurter und des Hamburger Instituts für Sozialforschung sowie des Münchner Sonderforschungsbereichs Reflexive Modernisierung. Durchaus im Widerstreit fragt sie nach zeitdiagnostischen Leitbegriffen, methodischen Ansätzen und normativen Perspektiven einer kritischen Sozialforschung, die an dem Anspruch festhält, ihre Zeit in Begriffe zu fassen.“

http://www.rueckkehr-der-gesellschaftstheorie.de

Sloterdijk vs. Honneth

Für die, welche sich diese Woche nicht mit der ZEIT auseinandergesetzt haben. Interessentar Artikel von Honneth zum „neuesten Schrifttum“ Sloterdijks, welcher vllt. das Verhältnis zu diesem Autor grundlegend verändert (es kursierte doch zwischenzeitlich die Idee, etwas von S zu lesen?). http://www.zeit.de/2009/40/Sloterdijk-Blasen
Danach der Stein des Anstoßes in der FAZ:
http://www.faz.net/s/Rub9A19C8AB8EC84EEF8640E9F05A69B915/Doc~E3E570BE344824089B6549A8283A0933B~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Bis bald!