Archiv für November 2009

Kritik an der verwalteten Welt

Hier ein paar Artikel, die auch Kritik am Konzept der verwalteten Welt üben:

Phase 2: http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=257&print=

JungleWorld (Interview mit Moishe Postone): http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_99/21/28a.htm

Viel Spaß beim Lesen

OT: Buchvorstellung – „Einführung in die Kritische Theorie“

Di, 15.12.09 19 bis 22 Uhr Landesstiftung
Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung
Buchvorstellung „Einführung in die Kritische Theorie“

Kurzbeschreibung zum Buch:
Der Band gibt eine verständliche und eingängig geschriebene Einführung in die Kritische Theorie, für die keine besonderen Vorkenntnisse nötig sind. Michael Schwandt zeichnet zunächst die Geburt der Kritischen Theorie aus der Krise des Marxismus nach und skizziert die Geschichte des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.

Vor diesem Hintergrund wird die Spannweite möglicher Antworten der Kritischen Theorie auf das Praxisproblem herausgearbeitet: Wie soll, wie kann sich politisch verhalten, wer diese Welt aus tiefstem Herzen ändern will, aber mit klarem Verstand erkennen muss, dass die Chancen dazu verschwindend gering sind? Dieser Frage wird anhand einer Gegenüberstellung der Positionen von Adorno und Marcuse nachgegangen, die wegen ihres ganz unterschiedlichen Bezuges auf die politischen Bewegungen ihrer Zeit oft als Antipoden wahrgenommen wurden.

So lässt sich bei der Auseinandersetzung mit der «Frankfurter Schule» immer wieder neu erfahren: Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie.

Es wird zunächst einige Sätze vom Autor Michael Schwandt über sein Buch und einige Auszüge daraus zu hören geben. Anschließend gibt es bei einem kleinen Empfang die Möglichkeit zu Diskussion und Gesprächen im informellen Rahmen.

Veranstalter Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung
Veranstaltungsort Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung
10967 Berlin, Kottbusser Damm 72
Nähe U-Bahnhof Hermannplatz
Lageplan

Schwarze Risse: Aktuelle Perspektiven der kritischen Theorie

Aktuelle Perspektiven der kritischen Theorie

mit Robin Celikates und Ina Kerner

am Montag, den 23. November 2009, 19:30 Uhr im Versammlungsraum des Mehringhofs

http://www.schwarzerisse.de/Veranstaltungen_bei_Schwarze_Risse.htm

Welche Aufgaben können und sollen kritische sozial- und politiktheoretische Projekte heute erfüllen? Kann man noch, oder sollte man gar wieder so genannte „große“ Theorien entwerfen oder ist es vielversprechender, sich konkreten Problemen zu widmen? Ist es möglich, ohne Paternalismus über Phänomene zu schreiben, von denen man nicht selbst negativ betroffen ist? Außerdem: Wie ist es um das Verhältnis von Theorie und sozialer wie politischer Praxis bestellt?
An diesem Abend werden zwei neuere Bücher vorgestellt und diskutiert, die mit diesen Fragen ganz unterschiedlich umgehen:

Robin Celikates setzt sich in Kritik als soziale Praxis. Gesellschaftliche Selbstverständigung und kritische Theorie (Campus 2009) mit den Methoden kritischen Theoretisierens auseinander und stellt dabei das Spannungsverhältnis zwischen dem Selbstverständnis „gewöhnlicher“ Akteure und der theoreti-schen Beobachterperspektive in den Mittelpunkt. In Auseinan-dersetzung u.a. mit der kritischen Soziologie Pierre Bourdieus entwirft er ein nicht-paternalistisches Verständnis kritischer Theorie. Dieses begreift kritische Theorie als soziale Praxis, die keine epistemisch privilegierte Position voraussetzt, sondern im Anschluss an alltägliche Praktiken der Rechtfertigung und der Kritik verfährt.

Ina Kerner setzt im Vergleich konkreter an. Ihr Buch Differenzen und Macht. Zur Anatomie von Rassismus und Sexismus (Campus 2009) ist der Versuch, eine angemessene, das heißt angemessen komplexe Beschreibung der Funktionsmechanismen und des Ver-hältnisses von Rassismus und Sexismus zu erarbeiten. Zu diesem Zweck führt sie wichtige Positionen der Rassismus-theorie, der feministischen Theorie sowie der aktuellen Debatten über Intersektionalität, d.h. der Verschränkungen verschiedener Formen von Macht und Ungleichheit zusammen. Sie plädiert für eine integrative Sichtweise, die Rassismus und Sexismus als mehrdimensionale Machtrelationen fasst und dabei Ähnlichkeiten, Unterschiede, Kopplungen und Intersektionen zwischen ihnen berücksichtigt.

Beginn am 23.11.2009 um 19.30 Uhr
Veranstaltungsort:
Gneisenaustr. 2a,
10961 Berlin – Kreuzberg
Tel: 030 – 69 28 779

Adorno/Horkheimer: Der Begriff Aufklärung.

Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. (2008): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Fischer: Frankfurt am Main.

Ich frage mich ob angesichts dieses Textes ein Exzerpt – zwecks inhaltlicher Beherrschung – nicht lediglich eine Affirmation des Tatsächlichen ist?

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Die Aufklärung zerstört sich selbst, wenn ihr rückläufiges Moment nicht ins Denken aufgenommen wird. Die Errungenschaften des Fortschritts werden zunehmend in ihr Gegenteil verkehrt. So schlägt Aufklärung in Mythologie zurück und endet im Irrationalismus – denn sie bediente sich zunächst des Mythos, um dann in seinen Bann zu fallen. Nicht-kritisches Denken unterliegt dabei einer Metamorphose von Kritik in Affirmation von Tatsachen, deren Wahrheit sich verflüchtigt hat.
Ziel der Aufklärung ist es, den Menschen über die Natur/dunkle Kräfte als Herren einzusetzen und ihm durch zunehmendes Wissen die Furcht zu nehmen. Aufklärung ist radikale mythische Angst: es darf nichts mehr außerhalb der erfahrbaren Objekte sein. In diesem Sinne ist Wissen eine Technik der Beherrschung, der Verstand wird patriarchal gedacht.
Jede Metaphysik – als Erbteil der Mythologie – wird in Tatsachenwissen aufgelöst. Dadurch soll eine endgültige Beherrschung der Materie ermöglicht werden. Auch der Mythos wird als anthropomorph – als Projektion des Subjektiven in die Natur – entlarvt. Die Vielfalt der Natur unterliege letztendlich der Einheit des Subjekts.
Durch diese Erkenntnis zerfällt das Sein in Logos und Realität. So wird die Welt dem Subjekt entfremdet: Das An sich der Dinge wird Für den Wissenschaftler. Das Wesen der Dinge gerinnt zu einem einheitlichen Substrat von Herrschaft. Die Identität des Geistes mit der Einheit der Natur wird also über eine Machtbeziehung vermittelt.
Die Magie hatte dem Objekt noch eine einzigartige Bedeutung zugesprochen, seine Vertretbarkeit war je spezifisch (Voodoo-Puppe!). Im Prozess der Aufklärung wird der Gegenstand des Sinnes beraubt und zum zufälligen Bedeutungsträger. Er ist beliebig und universal fungibel: Dem Gegenstad wird durch „Rationalisierung“ Bedeutung zugesprochen indem er bezeichnet wird.
Somit wird alles kommensurabel (vergleichbar); das Einzelne wird durch die Herrschaft des Abstrakten nivelliert und verliert sich in repressiver Egalität. Diese Unterordnungsrelation spiegelt sich zusätzlich in der gesellschaftlichen Welt: indem nämlich die deduktive Form der Wissenschaft das Allgemeine dem Einzelnen gegenüberstellt und es beherrscht, drückt sie den durch Kategorien organisierten Stamm aus. Diese Kategorien entspringen dem Prozess der Arbeitsteilung. Erst durch die sprachliche Bindung des Manas durch die Zauberer wurde es möglich, die sich wiederholenden Naturprozesse als Ausfluss des Manas zur Norm zu erheben und die Produktiven eben diesen Naturprozessen zu unterwerfen (i.e. Jahreszeiten) etc.
Im Prozess der Aufklärung scheidet sich die Wissenschaft von der Dichtung, und damit teilt sich das Wort in Zeichen (erhebt Anspruch auf Kalkulation, strebt nicht die Ähnlichkeit mit dem bezeichneten an) und Bild (reine Abbildung ohne Erkenntnis) auf. Dadurch werden Wissenschaft und Kunst zur Antithese. Früher in der Zauberei, heute im Kunstwerk konnte das Ganze noch im Besonderen erscheinen. Die Philosophie vollzieht dementsprechend die Trennung von Anschauung und Begriff.
Die bestimmte Negation erlaubt das Vorgefundene der Entfaltung seines gesellschaftlichen, historischen und menschlichen Sinnes nach zu begreifen um nicht lediglich die Oberfläche der Erscheinung in abstrakte Beziehungen zu setzen. Im unmittelbar Gegebenen muss das Eingeständnis seiner Falschheit gelesen werden und so seiner Wahrheit zugeignet werden. Sprache wird so mehr als ein bloßes Zeichensystem.
Aufklärung schlägt in Mythos zurück, wenn das Denken bei der Bestätigung und Wiederholung des Tatsächlichen stehen bleibt. So nämlich wird die Tatsächlichkeit zur Ewigkeit und enthält wieder die ursprünglichen Elemente des Mythos: Kreislauf, Schicksal, Herrschaft der Welt ohne Hoffnung. Der Einzelne löst sich somit in einem System der Unmenschlichkeit auf, wird versachlicht, an die Objektivität einer Funktion angeglichen und verliert seinen Namen. Selbsterhaltung wird automatisiert. Während also das Ziel der Aufklärung die Unterwerfung der Natur unter das Selbst war, wird schließlich das Selbst selber unterworfen indem es als zweckgerichtet verstanden wird.
Odysseus und die Sirenen: Ruderer-Produktive. Odysseus-Gutsherr. Sirenen – Trieb. Bei den Ruderern muss die Ablenkung durch den Trieb zu zusätzlicher Anstrengung sublimiert werden: indem ihnen die Ohren verstopft werden. Gutsherr bindet sich unwiderruflich an die Praxis (den Mast) und neutralisiert die Lockung der Sirenen zum bloßen Gegenstand der Kontemplation.
Denken kann nicht kritisch sein, wenn es sich zwischen Befehl und Gehorsam entscheiden muss. Erkennt es allerdings diese Logik des Entweder-Oder als sich selbst entfremdete Natur in sich selbst wieder, kann es dem herrschaftlichen Anspruch entgehen, der ihn gerade vor der Natur versklavt. „Aufklärung ist mehr als Aufklärung, Natur, die in ihrer Entfremdung vernehmbar wird. In der Selbsterkenntnis des Geistes als mit sich entzweiter Natur ruft wie in der Vorzeit Natur sich selber an, aber nicht mehr unmittelbar mit ihrem vermeintlichen Namen, der die Allmacht bedeutet, als Mana, sondern als Blindes, Verstümmeltes. […] Durch die Bescheidung, in der dieser [der Geist] als Herrschaft sich bekennt und in Natur zurücknimmt, vergeht ihm der herrschaftliche Anspruch, der ihn gerade vor der Natur versklavt.“ (op. Cit.: 46)
Aufklärung kommt erst zu sich selbst, wenn sie dem Prinzip der blinden Herrschaft des Tatsächlichen entsagen kann. Sie muss den Respekt vor dem Gegebenen verlieren, das sie doch selbst erst geschaffen hat – denn so wird Aufklärung destruktiv.