***Geuss, Raymond: Die Idee einer kritischen Theorie, Königstein/Ts. (Hain), 1983.

a) Inwieweit ist dem Wunsch der Frankfurter Schule, eine Ideologie im positiven Sinne zu werden (vgl. Geuss S. 102), entsprochen worden?
b) Schema 3.2. als wesentliches zur Entkräftung des falschen Bewusstseins?

1.Charakteristika einer kritischen Theorie in Darstellung d. Frankfurter Schule
1.1.Anleitung zum menschlichen Handeln
a)Aufklärung → Instandsetzung von Personen, wahre Interessen festzustellen
b)emanzipative Kraft, die Personen von selbst auferlegten Zwang befreit
1.2.kognitiver Gehalt als Form von Erkenntnis
1.3.als Gegenpol zu naturwissenschaftlichen Theorien ‚reflektiv‘, nicht ‚objektivierend‘
2.wider Positivismus in Wissenschaft
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1.Ideologie:
1.1.deskriptiver Sinn
1.2.abwertender Sinn
a)Ideologie als Täuschung oder ideologisch falsches Bewusstsein (WL S. 73, 95, 104; TP S. 435 ff.)
b)wie kann Bewusstseinsform ideologisch falsch sein? Aufgrund …
- epistemischer Eigenschaften der Überzeugungen, aus denen sie besteht (S. 23 f.)
- wenn Werturteile als Urteile über Tatsachen ausgegeben werden
- Objektivierungsfehler (z.B. soziales Phänomen für natürliches gehalten)
- Partikularinteressen werden als das der gesamten Gruppe ausgegeben
- ihrer funktionalen Eigenschaften (S. 24 f.)
- Ideologie als Bewusstseinsform, die überflüssige Herrschaft aufrechterhält und legitimiert
- Legitimierung gesellschaftlicher Institutionen; Aufrechterhaltung ungerechter sozialer Verhältnisse und Herrschaftsmethoden (S. 25)
- Herrschaft als Macht, normative Repression auszuüben (S. 26)
---> allerdings: ‚herrschaftsstabilisierendes Bewusstsein‘ nicht identisch mit ‚herrschaftslegitimierendem Bewusstsein
- ihrer genetischen Eigenschaften
- Herkunft, Geschichte

1.3.positiver Sinn
den Bedürfnissen einer Gruppe angemessenste Form der Ideologie (S. 33)
1.4. Ideologiekritik d. Frankfurter Schule
- Kritik der Gesellschaft vereint mit Ideologiekritik der in ihr herrschenden Ideen
- Ideologiekritik als Form von Erkenntnis über ein falsches Bewusstsein, eine Täuschung
- Überzeugungen werden aus Wunschtrieb heraus angenommen, weil sie bestimmte Interessen befriedigen

2.Interessen
2.1. wirkliche Interessen
1) vollständiges Wissen (Wissen führt zur Aufklärung der Falschheit derzeitigen Handelns)
2) optimale Bedingungen (Umstände, die falsche Wünsche generiert haben, müssen theoretisch geändert werden, um wahres Interesse zu erkennen)
---> Realisierung optimaler Freiheits- und Wissenserwerbsbedingungen → Erkenntnis wahrer Interessen

3.Kritische Theorie
3.1. kognitive Struktur
- Verwendung
--> nicht instrumentell, sondern kritisch-emanzipativ (S. 67)
--> Teil des Objektbereiches → immer selbstreflexiv
--> kritische Theorie als Antizipation ihrer eigenen Verwendung, um rational zu handeln
--> beansprucht, Personen sagen zu können, welche Interessen sie rationalerweise haben sollten und wie sie dementsprechend handeln könnten
--> Unfreiheit durch Akzeptanz gesellschaftlicher Institutionen, denen prozedurale Legitimität zugesprochen wird
Selbstaufbürdung der Zwangsverhältnisse
- Methode der Befreiung
--> kritische Theorie als Anstoß zur ‚Selbstreflexion‘
--> „legitimierende Überzeugungen sind nur dann akzeptabel, wenn sie von den Gesell­schaftsmitgliedern in einer freien und zwanglosen Diskussion, an der alle teilnehmen, erworben werden könnten“
--> kontextualistischer (Adorno) Ansatz der kritischen Theorie als Kritik am Zwang
--> transzendentaler (Habermas) Ansatz → transzendentale Deduktion kantianischen Schlags
--------> Bewusstsein, was unter Zwangsbedingungen erlangt wurde, muss kategorisch abgelehnt werden
ideale Sprechsituation (S. 78) → bei jeder Handlung wird ideale Sprechsituation antizipiert
- Ideologie
--> legitimiert ungleiche Verteilung normativer Macht (S. 87)
--> „Dass Unterdrückung ihre Legitimität verliert, ist vielleicht notwendige Vorbedingung für ein politisches Handeln, das zu wirklicher Befreiung führt.“ (S. 89)
3.2. Bestätigung
- Aufbau einer kritischen Theorie (S. 90 f.)
A) Zeigen, dass Übergang von Anfangszustand zu empfohlenen Endzustand möglich ist
B) Zeigen, dass obiges ‚praktisch notwendig‘ ist, also Unfreiheit, Täuschung → weniger Unfreiheit, Täuschung
C) Kritische Theorie muss Selbstbewusstsein der Gesellschaftsmitglieder begleiten
D) Analyse der Voraussetzungen der derzeitigen Gesellschaft für die Anwendung einer kritschen Theorie
- Aufstellung gültigen Bildes des guten Lebens aus kultureller Tradition (S. 98)
- Kritische Theorie muss Ideologie im positiven Sinne werden, für alle Mitglieder der Gesellschaft (S. 102)
- Aufgabe ist es, utopischen Gehalt kultureller Tradition zu retten

TW = Habermas, Jürgen: Technik und Wissenschaft als Ideologie
WL = Wellmer, Albrecht: Kritische Gesellschaftstheorie und Positivismus
TP = Habermas, Jürgen: Theorie und Praxis